"Drama ist Spiel vor Zuschauern. Es Ist Spiel mit Wirklichkeiten und wirkliches Spiel."
                                          Andreas Mahler  

Wenn der Theatervorhang aufgeht, beginnt dieses magisch-sinnliche Schau-Spiel.
Es liegt an einem selbst, sich darauf einzu-lassen und daran teilzuhaben.

An einem 4. Januar in der Theaterstadt Avignon geboren

Von Kind an bis zum erwachsenen Alter
diverse Bühnenauftritte im Bereich Musik, Gesang, Tanz und Theater

Studium der Germanistik, Romanistik und Komparatistik in Frankreich, Deutschland
und Österreich

Parallel dazu Assistenzjahre für das Schulfach Französisch im deutschsprachigen Raum

Promotion der Literaturwissenschaft an 
der Ludwig-Maximilian-Universität München

  Eine kurze Geschichte aus meinem Leben

Der Krieg der Knöpfe

Als Louis Pergaud 1912 Der Krieg der Knöpfe
(La Guerre des Boutons)
schreibt, spielen Kleidungsknöpfe eine größere Rolle im täglichen Gebrauch als heute, da das konkurrierende Prinzip des Reißverschlusses damals noch nicht so weit entwickelt war. In seinem Roman herrscht Bandenkrieg unter Schulkindern zwei verfeindeter Dörfer. Die dabei größte Demütigung ist, all seine Knöpfe im Kampf zu verlieren, die als Trophäen
von den Feinden eingesammelt werden. Es gibt nichts Schlimmeres, als in herunterhängenden Kleidungsfetzen zurück nach Hause gehen zu müssen, wo einem noch heftiges Schimpfen und Strafe erwartet. Ironie des Schicksals oder verwirklichte Vision? Der Autor, der in diesem
Werk die Kriegsbereitschaft der menschlichen
Natur beschreibt, fällt drei Jahre später an der Front, erst acht Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs.

Diese Tatsache lässt mich über die Verwendung
von Kleidungsknöpfen nachdenken und mir fällt
ein, dass diese gerade im Militärbereich Bedeutungsträger sind. Die mit Knöpfen geschmückten Uniformen geben nämlich Auskunft über Herkunftsland, Militärbereich und Dienstgrad des Tragenden. Welche Rolle spielen Knöpfe noch 
in unserem heutigen Leben?, frage ich mich dann.
Da ich keine richtige Antwort zu dieser Frage finde, beschließe ich, einen Experten dazu zu befragen.
Ich mache mich umgehend auf dem Weg zu der kleinen Schneiderboutique, bei mir um die Ecke.

Dort angekommen begrüßt mich eine unbekannte junge Frau. Als ich mich nach dem alten Schneidermeister erkundigen möchte, erscheint
er gleich aus seinem Atelier hinter dem Vorhang,
wie ich ihn schon immer kenne, seine dunkle Arbeitsschürze um sich gebunden. Er macht mich
mit seiner Nachfolgerin bekannt. Seit Beginn des Jahres hat er sein Geschäft übergeben; steht aber noch täglich zur Verfügung, um seinen Stammkunden den Übergang so angenehm wie möglich zu machen. In der Tat führt er noch handgeschriebene Kundenkarteien, die er aus Liebe zum Beruf all die Jahre gepflegt hat, was ihn sozusagen als Maßschneider auszeichnet. 

Nach seinen anfänglichen Bedenken überwindet
er schließlich seine Schüchternheit und willigt ein, meine Fragen zu beantworten. Aus Bescheidenheit möchte er jedoch in der Anonymität bleiben. Kaum sprechen wir aber das Thema Knöpfe an, bemerke ich in seinen Augen einen leuchtenden Blick. Plötzlich öffnet er den Vorhang, der ins hintere Atelier führt und gewährt mir Einblick in seine Arbeitswelt. Wir bahnen uns einen Weg in die Enge des Raumes zwischen Modellpuppen, Näh- und Schneidetischen, Bügelbrettern, alten Stoffresten, hängenden Kleidern, die noch bearbeitet werden müssen oder noch nie abgeholt worden sind. Die Wände bestehen vom Boden bis zur Decke aus Holztüren und -schubladen, die darauf warten,
ihre Geheimnisse zu lüften.


An einer Ecke des Raumes öffnet er vor mir eine Reihe von kleinen Schubladen, deren Inhalt glänzt und schimmert. Es ist sein Knöpfeschatz, sorgfältig sortiert, in einer Einordnung, die nur er selbst nachvollziehen kann. Sehnsüchtig zeigt er mir goldene, rund gewölbte und eingravierte Knöpfe.
Er erzählt mir über seinen kindlichen Neid dem Nachbarjungen gegenüber, der mit solchen Knöpfen an seinem dunkelblauen Parka beim wöchentlichen Kirchgang prahlen konnte. Dann greift er mit einem ironischen Lächeln in eine andere Schublade und holt als Gegenbeispiel grob geschnitzte, lang gezogene Holzknöpfe heraus, die für Schlaufen gemacht sind, mit dem sein Kinderwintermantel
wohl ausgestattet war.

Die nächsten Schubladen offenbaren kleine, runde Knöpfe aus Perlmutt, Samt, Satin oder Seide, die
wie er sagt, die Schönheit einer Frau untersreichen, als ob sie Schmuck tragen würde. Als ich ihn daraufhin frage, warum er dabei ein Seufzen von
sich gibt, gesteht er mir, was er heutzutage an Frauen so vermisst: ihre „weiblichen Attribute“,
wie er sie nennt. Ohne zu erröten, verrät er mir
die erotische Wirkung eines eng geknöpften
Rockes oder einer leicht geknöpften Bluse.

Wie von einem Gedankensprung geleitet, dreht er sich plötzlich um und öffnet eine größere Schublade aus dem Wandschrank. Dort bewahrt er vor Licht
und Staub geschützt seine Fadenspulen auf. Ich staune vor diesem gewaltigen Sortiment. Jede Farbe aus dem Regenbogen gefolgt von all ihren Schattie-rungen sehe ich vertreten. Stolz erzählt er mir,
dass zu jedem Knopf der passende Farbton
gefunden werden muss, bevor er angenäht wird,
um ein harmonisches Endergebnis zu erreichen. 
Fast beschämend denke ich an die zwei Fadenrollen, die bei mir in meinem bescheidenen Nähkästen liegen: bloß eine schwarze und eine weiße, denn
das Knöpfenähen ist eine Kunst, die ich ganz und
gar nicht beherrsche.

In diesem Augenblick läutet die Türglocke im vorderen Geschäft und holt uns beide aus unserer Träumerei. Schon meldet sich die neue Besitzerin. Der Meister wird gebraucht. Dankend verabschiede ich mich von ihm und verlasse diesmal die Boutique mit einem etwas anderen Gefühl als sonst.

Auf dem Rückweg nach Hause überwältigen mich
die Gedanken. Vielleicht haben die Knöpfe nur
eine Schlacht verloren, aber noch nicht den Krieg. Die Vielseitigkeit von Kleidungsknöpfen ist in
unserer heutigen Gesellschaft auf jeden Fall
wieder zu entdecken. Denn ist ein langsames und sanftes Auf- und Zuknöpfen als „Lebensphilosophie“ nicht erstrebenswerter als der schnelle und laute Zippverschluss, stellvertretend für unseren hektischen Alltag?
                   

                                           München, August 2013 

© 2018  Dr. Lyla Cestier

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